Opt out!

Im Handelsblatt findet sich ein Artikel zur geplanten »De-Mail«. Ich möchte die Highlights der Irrungen und Wirrungen hier behandeln:

Wenn der Postmann vergeblich klingelt und das Einschreiben der Bank oder Verwaltung in der Post-Filiale abgeholt werden muss, ist das nicht nur zeitraubend, sondern auch ärgerlich. Vor allem dann, wenn durch diese Prozedur wichtige Fristen nicht gewahrt werden können. […]
Über die De-Mail sollen schon ab 2010 Bescheide, Rechnungen, Kündigungen oder Verträge vertraulich und rechtssicher versendet werden, […].
Der Plan besteht darin, dass jeder Bürger eine sichere E-Mail-Adresse erhält, die nach strengen Auflagen von privatwirtschaftlichen Providern über eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung betrieben wird. […]
[…] Die Kommunikation läuft über das vom Online-Banking bekannte SSL-Verfahren. Zusätzliche Maßnahmen sollen Manipulationen verhindern.
[…] Sogar Einschreiben und Zustellurkunden könnten künftig gemailt werden. Der Bund verspricht sich davon nicht nur eine größere Datensicherheit, De-Mail soll Bürgern, Wirtschaft und Verwaltung jährlich Kosten in Milliardenhöhe für Porto und Bearbeitung sparen.
[…] Praktisch läuft die Sache so ab: Die Nutzer benötigen keine Software, sondern registrieren sich über die Webseite “de-mail.de”. […]
[…] Der Beauftragte der Bundesregierung, Beus, unterstreicht, dass die Teilnahme freiwillig ist. Die De-Mail-Adresse werde nicht wie die einheitliche lebenslange Steuernummer zugeteilt.
[…] “Die De-Mail wird dem E-Commerce einen weiteren Schub geben”, ist sich Ulrich Dietz, Präsidiumsmitglied des IT-Branchenverbandes Bitkom, sicher. “So weiß jeder Käufer und Verkäufer durch die De-Mail, mit wem er ins Geschäft kommt. Das schafft Vertrauen.” Überdies werde Deutschland dadurch endlich im E-Government aufholen.
[…] “Die Technologien für eine rechtssichere Kommunikation sind prinzipiell vorhanden, allerdings konnte sich noch kein Verfahren auf breiter Ebene durchsetzen”, so T-Systems-Chef Reinhard Clemens. Er frohlockt: “De-Mail könnte den Durchbruch bringen.”

 
Große Worte. Tolle – und wahrscheinlich locker sechstellig in der Höhe – Planung. Mit einigen Denkfehlern:

  1. Freiwillige Teilnahme ist nett, wird dann aber kaum den notwendigen ROI (Return on Investment) in endlicher Zeit – Zitat: »De-Mail soll […] jährlich Kosten in Milliardenhöhe für Porto und Bearbeitung sparen.« – erreichen. Der einzelne Bürger hat meines Erachtens keine signifikanten Porto- oder Bearbeitungskosten, die ihm »De-Mail« zwanghaft andienen würden. Ohne Bürgerteilnahme entfällt ein Vorteil bei Behörden und Wirtschaft. Bei Letzterer leidet dann auch der Anreiz.
  2. Es mag einen Bequemlichkeitsvorteil darstellen, statt zu festen Öffnungszeiten nach Schlangestehen am Postschalter seine niedergelegte Post abholen zu müssen, dies 24/7 (ausgenommen die Servicezeiten der Dienste, zu denen nichts bekannt ist …) bei seinem »De-Mail«-Dienstleister tun zu können. Doch zwingt dies andererseits dazu, täglich sein »De-Mail«-Postfach zu kontrollieren (bei der Post herrscht zumindest Sonntags Zustellruhe). Von der Zustellung zur Abholpflicht — eine Lastumkehr für die »De-Mail«-Teilnehmer, die insbesondere dem Bürger wieder ein Mehr an Pflicht aufbürdet und dabei zu seinen Lasten teilnehmende Wirtschaft und Behörden entschädigungslos entlastet.
  3. Erwähnt wurde es explizit bislang nicht, aber da privatwirtschaftliche Unternehmen – bislang genannt sind 1&1 sowie die Telekom – diesen Dienst für den Kunden bereitstellen, die »De-Mail«-Adresse zudem anbietergebunden (»Vorname.Nachname(Nummer)@Diensteanbieter.zertit.de – also beispielsweise “ferdi.fuchs13@gmx.zertit.de”«) sind, dürften einerseits Zusatzkosten für die nicht-öffentlichen Nutzer entstehen und zum anderer ein erheblicher Aufwand, sollte der Nutzer den Dienst wechseln wollen oder müssen. Denn es könnte ein Anbieter den Dienst einstellen – man erinnere sich an die vergangene »lebenslange« Adresse bei der Post – oder aber der Kunde aus kostengründen den Anbieter wechseln wollen. Naja, schlußendlich könnte ein privatwirtschaftliches Unternehmen ja auch einen Grund haben, einen bestimmten »De-Mail«-Kunden nicht mehr als solchen bedienen zu wollen …
  4. Den beschworenen Vertrauensschutz kann ich derzeit nicht erkennen; theoretisch sind auch heute hohe Hürden vor die Ausstellung eines eine Site identifizierenden Zertifikates gestellt — und dieses dann gleich mit prohibitiven Kosten für Privatleute ausgestattet, daß der vor Jahren erhoffte Durchbruch komischerweise bis heute auf sich warten läßt. Alternativen wie CA Cert sind hingegen nur so verläßlich wie die Teilnehmer dieser Initiative …
  5. Faktisch ist dies – teurer, weil staatlich-zentralistisch initiierter – alter Wein in neuen Schläuchen, denn: »Die Nutzer benötigen keine Software«; dann ist aber eine Mail vom »De-Mail«-Account auch nur so sicher wie es eine Mail vom gleichen, potentiell virenverseuchten, PC über ein anderes Mailpostfach ist, es sei denn, »De-Mail« entseucht zwingend alle ein- und ausgehenden Mails. Fraglich nur, was dieses typischerweise kostenpflichtige Zusatzfeature dann wieder kosten wird — und wen.

Daß Unternehmen wie Branchenverbände jubilieren, ist verständlich; bei ihnen bedeutet dieser zentralistische grobe Unfug ja auch mindestens Umsatz. Was für die, den Politikern formal die Macht übertragen habenden, Bürger dieser deutsche Sonderweg bringen soll, bleibt nachgrade fraglich. Also, an Vorteilen zu heute meine ich …