Déjà-vu? Irgendwie ist mir so, als ob ich diese super Story über das Internet als Klimakiller schon mal gelesen habe – bevor sie Freitag auf derwesten.de auftauchte. Nunja, da mangels dortiger RFC-Konformität mir ein Account bei derwesten.de verwehrt bleibt, halt hier, quasi ein externer Kommentar:
Liebe Redaktion im Westen, was ist das jetzt, Nachrichtenrecycling? Diese hybschen Rechenexempel kursierten doch schon Anfang und Ende August, im September und Oktober durch den deutschen Bit- und auch Blätterwald.
Interessant finde ich allerdings die durchaus unterschiedlichen Zahlen — August, Zeit:
Das verblüffende Ergebnis: Die virtuellen Stellvertreter der Spieler leben, was ihren Energiekonsum angeht, auf großem Fuß. Geht man vom Stromverbrauch der 4.000 Second-Life-Server und von 12.500 zu jedem Zeitpunkt rund um die Uhr »lebenden« Avataren aus, dann braucht der virtuelle Mensch so viel Strom wie ein echter Durchschnittsbrasilianer.
September, Welt:
Falsch. Ein virtueller Second-Life-Mensch verbraucht mehr Strom als ein durchschnittlicher Brasilianer. Der US-Blogger und Buchautor Nicholas Carr hat die Ökobilanz der Avatare durchgerechnet. Berücksichtigt man den Stromverbrauch der Spieler-Computer und der 4000 Second-Life-Server, so ergibt das einen Jahresverbrauch von 1752 Kilowattstunden pro Avatar. Für den Planeten ist das bitter: Jedes Jahr produziert eine virtuelle Identität 1,17 Tonnen des Klimakillers CO2.
Oktober, Spiegel:
Dagegen hat ein Avatar in “Second Life” weitaus größeren Appetit. Die Firma Linden Lab betreibt zurzeit 2000 Server, um 36.000 Nutzern gleichzeitig ein zweites Leben zu ermöglichen. Ein einziger Avatar kommt dabei auf 195 Kilowattstunden Strom im Jahr. Das sind 120 Kilogramm CO2. “So viel wie ein Mensch in drei Monaten ausatmet”, rechnet Rolf Kersten vor.
November, WestEins Derwesten:
Viel schlimmer ist die Energieverschwendung, die nutzlose Internet-Spielwiesen – allen voran “Second Life” – verursachen. Man schätzt, dass jeder virtuelle Stellvertreter eines Spielers jährlich genau so viel Strom verbraucht und Kohlendioxid produziert wie ein Single aus Fleisch und Blut im selben Zeitraum. “Ein Avatar im Second Life”, sagt Dietlinde Quack vom Freiburger Öko-Institut, “verbraucht im Jahr 1700 Kilowattstunden. Das ist genau der Verbrauch, den ein privater Einpersonenhaushalt an Strom benötigt.”
Sicherlich kostet dieser ganze Zinnober einiges an Ressourcen — insbesondere Strom. Aber weder teile ich die Brandmarkung von Geschäftsmodellen wie dem vom Linden Labs als »nutzlose Internet-Spielwiesen« noch steht es Euch ja wohl zu, hier den Stab zu brechen, nicht wahr? Wie sieht denn die Energiebilanz vom neuen Portal DerWesten.de aus? Wieviele Tonnen CO
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werden zusätzlich durch die mit DerWesten.de direkt zusammenhängenden Aktivitäten mehr emittiert, wieviel bleibt nach Gegenrechnung der Abschaltung alter Systeme (die wurden doch abgeschaltet, oder gibt’s nur den Redirect und gut?) an Mehr- oder Minderemission übrig? Wieviel Prozent der Infrastruktur bedient sich denn (lt. Herstellerangabe) resourcenschonender Komponenten, z. B. Suns »CoolThreads«? Wieviel Energie verbraucht die Generierung der Hauptseite von DerWesten.de – Tomcat frißt mehr als ein reiner Apache, würde ich mal schätzen?
Butter bei die Fische, wenn man schon andere anschwärzt, werden diese Daten ja – bei guter Recherche wäre das ein Muß – schon vorliegen. Oder sollte auch DerWesten.de ein Klimakiller sein?
Und wie teuer – unter Klimagesichtspunkten – ist denn nun ein Second-Life-Avatar, eine eBay-Aktion oder eine Google-Suchanfrage?
Spiegel online behauptet »etwa acht Wattstunden Strom benötigt die Suchmaschine, um den User daheim am Rechner mit einer Ergebnisliste zu versorgen«, DerWesten.de überbietet mit »schon eine einzige Suchanfrage bei Google kostet durchschnittlich so viel Strom, wie eine 11-Watt-Energiesparlampe in einer Stunde verbraucht«; nur, damit wir auf dem gleichen Stand sind, ein Watt über eine Stunde entspricht einer Wattstunde, richtig?
Die Welt hat sich da übrigens nicht festgelegt, sondern orakelte mehr: »Ergebnis: Jede Suchanfrage braucht so viel Strom, wie eine Energiesparlampe in einer Stunde.« (Lustig, der Booster hier, der von der Lichtausbeute einer 100W-Birne das Wasser reichen können soll, schluckt, IIRC, 21 reale Watt; meine LED-Einsätze hingegen, bei allerdings deutlich weniger Helligkeit, nur eines.)
Selbst die Zeit, die zeitlich dieses Thema vielleicht losgetreten hat, war da mehr so unspezifisch: »Tatsächlich aber schluckt, das hat die New York Times einmal ausgerechnet, schon die einzelne Suchanfrage bei Google so viel Strom wie eine Energiesparlampe in einer Stunde.«
Auf den Punkt bringt es aus meiner Sicht ein undatierter (»Letzte Änderung am: 05.11.2007, 16.24 Uhr«) Artikel beim SWR:
Dabei soll das Internet als Klimakiller genauso schlimm sein, wie Fliegen. Anno Knüttgen aus der SWR-Umweltredaktion ist diesen Gerüchten mal auf den Grund gegangen.
Der Vergleich klingt beeindruckend: Ein Avatar, also ein künstlicher Mensch, im Computerspiel Second Life verbraucht knapp 1800 Kilowattstunden Strom pro Jahr – mehr als ein lebendiger Mensch in Brasilien. Seriös sind solche Rechnungen nicht. Wer wie lange das Internet nutzt und wie viel Strom welcher Rechner für die Übertragung welcher Datenmengen verbraucht – das alles müssten wir wissen, um den Stromverbrauch und damit den durch das Internet verursachten CO2-Ausstoss auszurechnen. Darüber gibt es keine verlässlichen Daten.
Auf welcher Berechnungsgrundlage basieren dann aber die angeblichen 11 Wattstunden einer jeden Google-Anfrage? Dicker Daumen?