Ich hatte am Dienstag das überraschende Vergnügen, »WIFIonICE«, die Nachfolgetechnik für Internet im ICE der Deutschen Bahn, ausprobieren zu können.

War ich bei den ersten Erspähungen des »Telekom_ICE«-WLANs aber noch hellauf begeistert, wohl auch weil ich der einzige Nutzer war ;), testet heute potentiell der gesamte (zweiteilige) ICE, also Nutzer in der ersten als auch der zweiten Klasse.
Während beim Telekom-Setup ein ICE-Portal (welches u. a., sofern Uplink vorhanden, aktuelle Info zur Verspätung des Zuges präsentierte) die Startseite war und man dann per Klick zum Telekom-Hotspot-Portal weitergeleitet wurde – was bei fehlender Verbindung dann schon nicht mehr klappte, da es extern realisiert wurde –, setzt man aktuell eine ziemlich verstörende Captive-Portal-Lösung ein, die mich auf dem Telefon direkt mich Sicherheitswarnungen überschüttete.
Captive Portals (Anfragen eines Clients werden, über DNS-Capturing, auf eine lokale Seite umgeleitet — für die Frage nach der IP-Adresse von google-public-dns-a.google.com wird dann z. B. statt 8.8.8.8 192.168.1.1 zurückgegeben und dort präsentiert dann ein Webserver die Info, daß man $irgendwas machen muß, um ins Internet zu kommen) sind halt Kacke, und sie funktionieren prinzipbedingt nur mit unverschlüsselten Verbindungen (http: statt https:) wirklich.
Warum bei meinem Androiden dann https://www.google.com aufgerufen wurde – http://www.google.com hätte den Zweck ja auch erfüllt – verstehe ich nicht. Fakt ist: Android ist ziemlich pissed bei sowas, und hätte ich nicht um diese Dinge gewußt und tapfer http://heise.de im Browser aufgerufen, um das Captive Portal zu bekommen, ich wäre wohl nicht online gegangen. Warnungen bei SSL, da müssen heutzutage bei jedem alle Alarmglocken Überstunden machen!
Ernsthaft, liebe Deutsche Bahn, DAS solltet Ihr so nicht abnehmen; kann man so machen, ist dann halt Kacke. Aber letztlich habe ich es ja geschafft und konnte mit meinem Mobiltelefon online gehen.
Man möge mir nachsehen, daß die Begeisterung sich in Grenzen hielt — als Passagier der 1. Klasse habe ich nun einmal funktionales WLAN quasi mitgebucht (sonst würde ich, ggf. günstiger, 2. Klasse fahren), und Experimente sind an der Stelle nicht zwingend willkommen, erwartet man ggf. aus $Gründen einen produktionsreifen Zugang. Hier setzt sich die Deutsche Bahn halt latent in die Nesseln, denn funkionales WLAN im ICE erwarte ich heute, ein knapp Jahr nach dem Start, als 1.-Klasse-Passagier einfach. Ist ja auch im Ticket-Preis inklusive …
Anfang 2014 habe ich ja mal ein Experiment gemacht, und die Verbindungsqualität des Telekom-Setups während einer Fahrt Güterloh-Berlin per Smokeping aufgezeichnet.
Das Ergebnis war: ja, im Grunde schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, aber bis ich verläßlich damit im ICE online wirken kann, fließt noch das eine oder andere Hochwasser die Elbe herunter.



Jedenfalls verwendet icomera augenscheinlich irgendwelche Tunneltechniken, was einerseits sich beim kurzen Weg durch’s Netz zeigt, andererseits auch in der auf 1350 Bytes reduzierten MTU¹ der Funkschnittstelle, 150 Bytes weniger als normal.
Kurzum: die neue WLAN-Lösung scheint prinzipiell zu funktionieren, ob sie dem Ansturm eines ganzen ICEs standhalten kann, wird erst die Zukunft zeigen. Ich hatte, als das Telekom_ICE-WLAN noch nur testweise vorhanden war, deutlich höhere Durchsätze als jetzt mit WIFIonICE; damals war ich aber wahrscheinlich, zumal morgens zwischen 6:30 und 9:00 auf der Strecke Güterloh-Berlin, ziemlich alleine unterwegs in den virtuellen Weiten.

Aber: Netz hinzaubern, wo außen keine Anbindung besteht, kann auch icomera nicht. Zwischen Wolfsburg und Berlin habe ich mal die Paketverluste aufzeichnen lassen, es fällt auf, daß schon zum Accesspoint Pakete verloren gingen, aber auch zum Ziel kamen nicht alle Pakete durch. Das deckt sich mit dem »gefühlten« Netz, interaktives arbeiten stockte gelegentlich, da sind sicher IP-Pakete verloren gegangen und neu geschickt worden — was nicht tragisch ist, denn dafür ist TCP ausgelegt.
Jedenfalls nähert sich die Welt meiner Vision aus den 90ern von »IP Everywhere« immer mehr an, selbst in der Bahn oder im Flugzeug kann man heute oftmals »online sein«, und eine gut geplante WLAN-Lösung im Zug ist deutlich besser als mit seinem Handy zu versuchen, online zu gehen. Weiter so ;)
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¹ Die MTU, »Maximum Transfer Unit«, bestimmt, wie groß ein Datenpaket sein darf, größere Pakete müßten vor der Übertragung auseinandergepflückt, »fragmentiert«, werden und beim Empfänger wieder zusammengefügt. Dies möchte man aus Effizienz- und anderen technischen Gründen gerne vermeiden, daher begrenzt man die Paketgröße möglichst frühzeitig. Aktuelle IP-Netzwerke transportieren normalerweise maximal 1500 Byte große Pakete; wenn man Tunneltechniken einsetzt, zwischen zwei Routern also ein IP-Paket in ein anderes einpackt, es durch ein bestimmtes Netzsegment »tunnelt«, muß die Nutzlast des eingepackten Paketes entsprechend sinken, da man die 1500-Byte-Grenze quasi auf jedem Gerät hat; das Paket kann also nicht größer werden kann.

TCP ist halt nicht für Verbindungen ausgelegt, die sich _so_ drastisch unterscheiden wie UMTS im fahrenden Zug. TCP passt sich hervorragend an Leitungen an, die zuverlässig etwa 5 % der pakete wegwerfen, steigert seine Wiederholungen und hält sich freiwillig mit dem Durchsatz zurück.
Mit einer Leitung, die in einer Sekunde gar nichts, und zehn Sekunden später zehn Megabit mit 35 ms Latenz transportiert, ist TCP leider arg überfordert und kommt nicht schnell genug auf die Beine, dass die Leitung in ihrer “guten” Zeit angemessen ausgenutzt werden könnte. Da ist man schneller wieder im nächsten Funkloch als dass die erste halbe Bildschirmseite ssh-Output transportiert werden konnte.
Eine VPN-Technik wie OpenVPN dazwischen stegert das Drama noch.