Nichts dazugelernt.

Wie bei Golem.de und heise online ausgeführt wird, wagen sich die werten Volksvertreterinnen und -vertreter, nachdem sie überaus erfolgreich die Lösung der nebensächlichen Probleme wie z. B. den Kollaps der Sozialsysteme vermittels weiterer Heftpflaster vertagten, nun an elementare, ja an Kernthemen heran:

BERLIN BRAUCHT ENDLICH EINE EIGENE TOP‐LEVEL‐DOMAIN!!1!

Und natürlich nicht nur Berlin, das dem Bankrott schon nah gewesene Vorzeigehaupstädtchen – es ist von nationaler Bedeutung, daß die rheinlandpfälzische Staatskanzlei endlich unter der einprägsamen Adresse http://staatskanzlei.rheinland-pfalz weltweit erreichbar wird; passende eMail-Adresse dann, natürlich, staatskanzlei@rheinland-pfalz.
Dirk Krischenowski, Geschäftsführer von dotBerlin – das Unternehmen versucht sich an einer Einführung der TLD .berlin –, wird wie folgt zitiert:

Wir freuen uns, dass der Deutsche Bundestag die Potenziale unserer Idee, künftig Internet-Adressen wie strato.berlin, konopke.berlin oder handwerk.berlin zu schaffen, ähnlich einschätzt wie wir und diese unterstützt!

 
Natürlich ist es wichtig, daß nun auch kleinere Regionen – die kürzlich eingeführten TLDs .eu für Europa und .cat für Katalonien müssen hier als Referenzen bzw. Präzedenzfälle herhalten – ihre eigene Identität im Internet entwicklen können; und das geht ja, wie jeder weiß, ausschließlich über die eigene Top‐Level‐Domain.
Schauen wir uns doch mal kurz bei dotBerlin um:

Vision von dotBERLIN
.berlin ist die eigenständige Top-Level-Domain der Community der Berliner im Internet. Die damit verfügbaren lokalen Adressen sind prägnant und schaffen Identität für Bürger, Unternehmen und Institutionen, intuitiv finden so Anbieter und Nachfrager von Informationen, Waren und Dienstleistungen zueinander. Die .berlin-Domains stärken das Gemeinschaftsgefühl der Berliner, fördern Kommunikation und erleichtern Interaktion; sie setzen dadurch Impulse für Innovation und Entwicklung. Für Berliner und Nicht-Berliner steigt die Attraktivität von Orten mit dem Namen Berlin als Besuchsziel, Wirtschaftsstandort und Lebensraum.

 
Also strenggenommen lese ich da, daß die Berliner schon ganz doll ihr Eingemauertsein vermissen und nun nach dem letzten Strohhalm greifen, noch ein Stück von Andersartigkeit in die Neuzeit hinüberzuretten.
Daß »strato.berlin« von Krischenowski beispielhaft genannt wird, hat sicherlich nichts damit zu tun, daß die Strato AG lt. Website Gesellschafter der dotBerlin ist. http://strato.berlin – ja, das ist mal ein Fortschritt. Dieses blöde .de am Ende sieht wirklich Scheiße aus. Aber warum dann nicht gleich konsequent und direkt .strato beantragt?
Nun, zu .berlin stellt sich natürlich schon die Frage des Namensrechts. Was ist mit den 10 Berlins in alleine den USA? Es würde mich nicht wundern, wenn außerhalb der deutschen Provinz, z. B. in den USA, vielevieleviele Leute Berlin eher mit einem Ort in den USA denn in Deutschland verbünden. Genau dafür hat man sich, u. a., vor ein paar Jahrzehnten dieses voll uncoole hierarchische System ausgedacht, das nun mit Volksvertreters Stimme ad absurdum geführt werden soll.
Schon erstaunlich, von wenigstens den folgenden Kommanditisten, Strato AG, http.net Internet GmbH, Key Systems GmbH, InterNetworX Ltd. & Co. KG oder auch Andre T. Scholz, »Gründungsvorstand und -mitglied der Denic e.G.«, hätte ich mir mehr Weitblick statt Lokalpatriotismus erhofft.
Aber so be it, jedem also seine eigene TLD. Das Rennen ist wohl eröffnet.

One Reply to “Nichts dazugelernt.”

  1. Das ist ja – leider – nicht überraschend.
    Wie jedermann zwingend seine eigene Domain braucht (am besten in allen Variationen, unter mehreren Dutzend läuft da nichts), natürlich einzeln für jedes Projekt, jede Niederlassung, jede Abteilung (was sind eigentlich Subdomains, und was ist eine hierarchische Struktur?), wie die unterschiedlichen Top-Level-Domains zur Beliebigkeit verwässert wurden, so braucht nun zukünftig eben jeder seine eigene Top-Level-Domain; das ist nicht mehr als naheliegend.
    Die Versäumnisse sehe ich hier bei der IANA bzw. ICANN, wer auch immer jetzt für die Verwaltung des Namensraumes gerade zuständig ist; dort wäre es geboten gewesen, dem Wildwuchs der TLDs Einhalt zu gebieten und die Nutzung der vorhandenen TLDs entsprechend dem ursprünglichen Gedanken der geographischen und sachlichen Gliederung zu erzwingen, wenn man das denn möchte und das hierarchisch gegliederte DNS erhalten will. Nachdem man das nicht tut und auch nie getan hat, darf man sich weder über Rechtsprechung wundern, die der TLD jede marken- und kennzeichenrechtliche Unterscheidungskraft abspricht (zu Recht, das tut der Durchschnittsnutzer und damit der maßgebliche Adressatenkreis auch, und dies gleichfalls zu Recht, weil es tatsächlich aus der TLD nicht mehr zu entnehmen ist, ob das nun jemand aus Deutschland oder Frankreich ist, eine gemeinnützige Organisation, eine Firma oder ein Infrastruktur-Provider), noch über solche (fraglos dämlichen) Planungen wie die vorliegende.

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