Studiverzeichnis: Natursekt, Führerbilder & die Privatshpäre

Über Geschmackt läßt sich bekanntlich streiten, oder auch nicht — je nachdem, wie man das Sprichwort kennt. Und wie in unserer Gesellschaft, so sind auch im sog. »Studivz« allerhand verschiedene Vorlieben und Typen vertreten …
Eine, sagen wir, interessante Variante, über die ich bei den Recherchen zu Studivz stolpern durfte, ist die Urophilie, der sich im VZ die »Natursekt Freunde« vorgeblich hingeben. Immerhin 37 Leute lt. Übersichtsseite — nicht viel, vergleichen mit der angeblichen über einer Million »eingeschriebenen« Teilnehmern. Wie dem auch sei, dank dieser Gruppe und der Recherche zu »Natursekt« bei Google und Wikipedia habe zumindest ich wieder was gelernt:

Da Süßstoffe nicht verdaut werden, sind entsprechend gesüßte Getränke in der Urophagie beliebt, um den Geschmack des Urins zu versüßen. Nikotin oder Kaffee sowie einige andere Nahrungs- und Genussmittel wirken sich dagegen negativ auf den Geschmack des Urines aus.

 
(Quelle: Wikipedia) Ich hoffe nur, daß die Bilder und Klarnamen frei erfunden sind, denn jetzt würde ich wohl weder N. Sch., N. E., B. K. und all den anderen noch vorurteilsfrei begegnen können — Toleranz hin oder her, Urin statt in das WC in jemandes Gesicht ist einfach nicht mein Ding. Mit solchen und ähnlichen Vorlieben würde ich auch nicht hausieren gehen, aber dazu später mehr.
Wenig appetitlich ist auch eine andere Gruppe, über die ich gestolpert bin — weniger wegen der Beschreibung, als vielmehr wegen der gewählten grafischen Repräsentation. (Zur Vermeidung rechtlicher Probleme wurden die Grafiken für die Wiedergabe auf dieser Seite teilweise verpixelt.)
Nun gut, auf braune oder auch nur vermeintlich braune Gruppen innerhalb des Angebotes von Studivz wurde ja schon hingewiesen; das Bild jedenfalls ist aus meiner laienhaften Sicht rechtlich problematisch. Generell scheint es mir, nach den verschiedensten Berichten über rechte Gruppen im Studivz, angebracht, auf das Beispiel der Stadt Stolberg hinzuweisen, also darauf, daß totschweigen brauner Aktivitäten den rechten Strömungen eher hilft.
Vorzugsweise verwendet man aber unmißverständliche Worte und Taten; daß die Aktion voelkischerbeobachter.de nur dumm war, hat, zumindest lt. Pressesprecher, ja auch Ehssan Dariani mittlerweile eingesehen. Bleibt abzuwarten, ob und wann Studivz mal aufräumt.
Es stellt sich mir generell die Frage, auch im Hinblick auf weitere Gruppen, die mit fragwürdigen Bildern glänzen, inwiefern unter Gesichtspunkten des Jugendschutzes dieses Angebot ohne funktionale Kontrolle der eingestellten Inhalte weiterlaufen kann.
Eine Gruppenbeschreibung lautet beispielsweise:

Die Welt ist ein Jammertal, doch zum Glück gibt es etwas schönes und zwar: Bukkake!
Wer als Mann Spaß daran hat, Frauen ins Gesicht zu ejakulieren und wer als Frau Spaß daran hat, sich von Männern ins Gesicht besamen zu lassen, der/die ist hier genau richtig!
Gerne werden Vorschläge für Sperma-Parties oder Gruppensex-Abende entgegen genommen!

 
Geschmacklich wohl unterschiedlich zum eingangs genannten Natursekt, besteht lt. Wikipedia-Artikel eine Verbindung beider Sexualpraktiken zu BDSM. Toll, und schon wieder was dazu gelernt, was ich gar nicht wissen wollte ;)
Sollten die Studivz-Macher jemals daran denken, auch Schüler anzusprechen, sähe ich hier zumindest ein massives Problem — wobei auch derzeit nur eine einmal lesbare eMail-Adresse ausreicht für eine Anmeldung. Aber gut; ich überlasse die investigative Verarbeitung der Inhalte der Studivz-Gruppen dann doch lieber weiter Don Alphonso, der die Systemprobleme, die Datensicherheit und die Verkaufsgerüchte umfassend behandelt. Ich fokussiere mich im Folgenden auf zwei Themen: informationelle Selbstbestimmung und wie man sie im Internet nicht praktizieren sollte sowie, in einem folgenden Blogeintrag, Fragen zu Finanzierung sowie Eigentums- und Machtverhältnissen bei der Studivz (Ltd.).

Informationelle Selbstbestimmung

Was war das damals für eine Aufregung, als der Staat jeden Bürger befragen wollte … »Damals«, das klingt, grade wenn man die munter in kommerziellen Verzeichnissen wie Studivz bereitwillig jedermann publik gemachten Datens(ch)ätze sich ansieht, so nach vorvorletztem Jahrtausend wie Geschichten von Nero, Cäsar oder den alten Griechen.
Schon komisch, und ich wiederhole mich hier wohl, aber es ist schon ziemlich unverständlich, warum viele ihre persönlichsten Daten (Geburtsdatum, Heimatort, Hobbies, Vorlieben usw.) einfach so ans virtuelle schwarze Brett hängen. Und dann die Fotos. Witzig war vieles sicherlich. Damals, als man es tat. Gruppendynamik, Alkoholenthemmung, was es auch immer war. Aber, Jungs und Mädels, wollt Ihr wirklich, daß jedermann Eure Eskapaden mitverfolgen kann? Daß jeder ein Bild von Euch bei der – augenscheinlich berechtigten – polizeilichen Puste-Aktion sehen kann? Sehen kann, wie Ihr, mit Flasche in der Hand, im der Kofferablage eines Zuges sitzt, wohl auch nicht mehr ganz nüchtern?
Ich kann nur raten, durchforstet Eure online verfügbaren »Fotoalben« und weißt Freunde und Bekannte darauf hin, daß Ihr eine Bildveröffentlichung ohne Euer vorheriges Einverständnis nicht gestattet. Und wenn sich damit jemand nicht abfinden kann: Ihr müßt euch das nicht gefallen lassen. Wenngleich direkt die Rechtsmittelkeule rauszuholen langfristiger Freundschaft vielleicht im Wege stehen mag — in ein, zwei, drei Jahren steht Ihr vor ‘nem Personalchef und müßt dem das Foto mit dem Sitzplatz in der Kofferablage erklären (oder auch nicht, weil Ihr deshalb schon rausgekickt wurdet im Aussiebungsprozeß). Ihr. Nicht der, der Eure Bilder veröffentlicht hat. (Ich erwähnte schon, daß man schon selbst nicht alles veröffentlichen sollte?)
Klasse finde ich ja auch Teilnehmer, die sich mit einem vermeintlich lustigen Foto und ihrer ganzen Vita präsentieren — wohl bekomm’s. Vielleicht vor dem nächsten Schlückchen nochmal drüber nachdenken, daß mit derlei vielen Daten (vollständiger Name, Studienort, Heimatwohnort, Geburtstag, ggf. Vereinsmitgliedschaften) jedermann die Möglichkeit gegeben wird, mit diesen Daten, die ein flüchtiger Besucher auf den ersten Blick zu sehen bekommen, weitere Recherchen zu betreiben. Nachfragen bei ehemaligen und aktuellen Nachbarn ggf. nicht ausgeschlossen, Stalker sollen sowas machen; neugierige Zeitgenossen auch. Nie war es einfacher, auch eigentlich private Informationen zu sammeln …
Warum werden die gebotenen Möglichkeiten zum Erhalt der Privatshäre nicht angenommen? Ein positives Bespiel habe ich hier gefunden — Unbekannten werden keinerlei persönliche Details preisgegeben, so sollte meines Erachtens jeder sich Fremden gegenüber präsentieren, sei es im Studivz oder anderen Kontaktbörsen.
Was auch immer Du also in Diensten wie Studivz & Co. tust: sei geizig mit Deinen Daten und restritiv hinsichtlich der Einstellungen zur Sichtbarkeit für Fremde.
Lade nicht jedes Bild, zeige es Dich oder andere in »lustigen« Posen, hoch, wenn es auch jemand sehen könnte, der vielleicht in zwei Jahren Dein Chef/Deine Chefin sein könnte.
Auch wenn Du Dich in der Gruppe stark oder bestätigt fühlst: wenn Du nicht möchtest, daß Dein Bäcker Dich im Laden fragt, ob er Dich gleich anpinkeln darf, trage Dich nicht mit eigenen Foto und Klarnamen in Gruppen wie »Natursekt Freunde« ein (auch wenn das alles ganz anders gemeint war: werde das Gerücht, daß Du auf angepinkelt werden stehst, in Deinem Heimatort mal wieder los) …
Und, um ein aktuelles Beispiel zu bringen, gib’ selbst regionalen TV-Sendern kein Interview …

3 Replies to “Studiverzeichnis: Natursekt, Führerbilder & die Privatshpäre”

  1. Gute Zusammenfassung.
    Bemerkenswert ist doch, dass gerade Frauen den Narzismus und der Selbstdarstellung frönen!

  2. Na das mit dem Natursekt scheint Dir ja schwer zugesetzt zu haben :-)))
    Aber tja…ich mags, ich bin mir drüber klar, daß es andere nicht mögen könnten und ich würde natürlich da nie meinen Realnamen angeben. Die Idee einer solchen Gruppe ansich ist sicher ok, wie soll man es denn sonst herausfinden, wer es noch mag, aber da hat wohl wer nicht ganz nachgedacht…
    Ansonsten: sehr gute Zusammenfassung. Wie stand neulich auf Telepolis: “Ich bin Hans Müller von der Kreissparkasse und schwul” – wäre auch nicht sehr schlau, das so bekanntzugeben.

  3. …und das obwohl doch bei StudiVZ an der Bürotür steht: “Anonymität kann tödliche sein.” Es hat aber schon seinen Reiz anderen solche Daten zu zeigen. Allerdings sehe ich das ganze genau wie du eher negativ. Ich als Chef würd mir ehrlich gesagt auch erstmal die Bikinibilder meiner potentiellen Arbeitnehmerinnen angucken, und so auschecken, ob ich die nachher im Büro vernaschen kann.

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